Rocktile Les Paul Custom


Wenn mir jemand prophezeit hätte, ich würde mir mal eine Rocktile Gitarre zulegen und dann Fotos davon im Internet einstellen, ich hätte ihr oder ihm bis vor kurzem wahrscheinlich einen Vogel gezeigt. Der Name der Hausmarke des Schongauer Musikhauses Kirstein stand für mich bisher quasi als Synonym für Chinaschrott, bezeichnend also für Musikinstrumente, die so hohe oder so viele Verarbeitungsmängel aufweisen, dass man am besten einen weiten Bogen darum macht, es sei denn man hat es auf Deko-Artikel abgesehen. Und nun ist es doch passiert: Ich wurde Besitzer und Spieler einer Rocktile Les Paul Custom, und kann doch nicht behaupten, dass das Ganze eine Fehlinvestition war. Ja, so geht das, und damit gibt es bei GM nun die erst zweite Galerie einer Rocktile Gitarre überhaupt.

Für wenig über 100 EUR erstand ich dieses mindestens 10 Jahre alte Instrument, das nicht nur aus Fernost, sondern auch aus einem Pasinger Wohnmobil kommt, in dem es so lange und so nahe der Kochniche in der einräumigen Behausung darbte, dass es mit einer gestandenen Schicht Fett und Schmutz bedeckt war und seine Schönheit erst wieder offenbarte, nachdem ich es gründlich und mit recht viel Reinigungsspray behandelt hatte. Vom Vorbesitzer schon gebraucht erworben, war sie danach seinen Angaben zufolge circa fünf Jahre lang intensiv eingesetzt worden, auch auf diversen Bühnen. Über einem in der Kochniche gebrautem Kaffee rühmte er die Saitenlage und gute Bespielbarkeit (fretless wonder“) und war kurz davor, seinen Entschluss, sie aus durchaus verständlichen Platzgründen zu veräussern, wieder rückgängig zu machen, während ich die Gitarre zum ersten Mal anspielte.

Mit uralten Saiten und zwei Werkspickups unter vergoldeten Kappen (siehe letztes Foto) klang die Les Paul da und dort ganz passabel, aber ich hatte schon vorher den Entschluss gefasst, sie so aufzurüsten, dass aus ihr ein wertigerer Player werden würde. Folgende Umbaumassnahmen sind auf den hier vorgestellten Fotos festgehalten: Der Pickupwahlschalter und der Steg wurde gegen etwas frischere Kollegen getauscht, und danach wichen die Werkshumbucker zwei in Bill Lawrence-Rahmen montierten Leosounds Growl Dogs, also etwas heisser gewickelten PAF Varianten. Pickguard musste ich keines entfernen, denn sowas war nicht vorhanden, sodass das Ahornfurnier auf der stark gewölbten Decke mit seinen Orange-Braun Tönen bestens zur Geltung kommt. Die Elektrik blieb erst mal unverändert, obwohl ich meine, dass da in Zukunft mit besseren Tonpotis noch etwas Klangoptimierung heraus zu kitzeln sein wird.

Mit 3,72 kg hängt die Gitarre aus Mahagoni (Korpus) und Ahorn (Hals) sehr komfortabel am Gurt und klingt mit den Leosounds und einem frischen Satz Saiten (010 - 052) am Amp sowohl sehr gediegen als auch facettenreich. Der Hals mit C-Profil ist ein angenehmer Kompromiss zwischen den 50s und 60s Profilen der Gibson Les Paul. Die Mechaniken, die ich eigentlich sofort wechseln wollte, haben mich dann doch noch (fast) überzeugt, und auch die Kopfplatte wird erst einmal so bleiben, wie sie ist und (noch?) nicht das klassische open-book Profil einer Gibson erhalten (wenn, dann samt Decal und Diamond Inlay, versteht sich). Viel Vergnügen nun mit den Bildern einer Les Paul, die sich nicht vor anderen Nachbauten, auch nicht denen von Dean, Epiphone, FGN, LTD, u.ä. verstecken muss.