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Die Gibson Les Paul Reissue von 2003


Beim Anblick einer Les Paul aus dem Jahr 1959 gerät wohl jeder Les Paul-Fan in Verzückung. Die Allerwenigsten allerdings habe je eine 59er Les Paul, den "Holy Grail", aus der Nähe zu sehen bekommen oder gar gespielt. Sie sind einfach zu selten und die Wenigen die eine besitzen, spielen sie aus Angst vor Diebstahl oder Beschädigung meist nicht live.

So muss man sich mit Aufnahmen trösten, die den unbeschreiblichen Ton dieser Gitarren für die Ewigkeit konservieren. Zu nennen wäre da zum Beispiel das Live-Album der Allmann Brothers "Live At Fillmore East", das "Bluesbreaker" Album auf dem Clapton mit einem Marshall und einer Les Paul Standard für Furore sorgte und diverse Platten von ZZTop auf der "Pearly Gates" - eine der berühmtesten 59er Standards - zum Einsatz kommt.

Reicht einem der Ton aus der Konserve nicht, bietet Gibson seit Gründung des Custom Shops Anfang der Neunziger jedes Jahr Neuauflagen der Les Paul aus den Jahren 1952 bis 1960. Hiermit versucht Gibson, zum Teil für den Gegenwert eines ordentlichen Gebrauchtwagens, die Illusion zu vermitteln, man habe das so begehrte Vorbild in der Hand.

Doch alle diese Neuauflagen konnten sowohl den Hardcore-Fan, wie auch so manchen Händler nicht wirklich zufrieden stellen. Denn im Detail waren diese Reissues nicht stimmig. Die Annäherung ans Detail erfolgte zwar schon 2001, streng genommen sogar bereits 2000, aber ließ die letzte konstruktive Konsequenz missen. Daran änderte auch die Tatsache nichts, dass in 2001 erstmals - wie beim Original - ungefähr fünfzig mit Rio Palisander-Boards bestückte Reissues auftauchten.

Zufriedenheit in der Fan-Gemeinde stellte sich erst 2003 ein.

Die in den ersten vier Monaten des Jahres 2003 produzierten Reissues konnte nicht nur ein Rio Palisander Griffbrett vorweisen, sondern auch korrekt geschnittene und aus dem richtigen Material bestehende Inlays, dünneres Plastik für das Jackplate und den Toggle Switch Washer, korrekt angeordnete Tuner, eine korrekt positionierte Trussrod-Glocke, das richtige, flachere Deckenshaping und mit CTS-Potis und Bumble Bee-Repliken auch die authentischere Elektronik.

Sieht man davon ab, dass wohl nur ganz wenige Reissues mit einer Tun-o-Matic-Bridge ausgestattet wurden, die, wie die des Originals, KEINE Haltespange für die Saitenreiter besitzt, sind die Modelle aus 2003 also wohl die ersten Reissues, die diese Bezeichnung hinsichtlich ihrer Konstruktion resp. Ausstattung tatsächlich verdienen (womit nicht gesagt sein soll, dass die ganzen Jahre zuvor schlechte Gitarren produziert wurden.).

Sehr zur Freude einiger und Überraschung aller, wurde die Produktion von Rio Palisander-Boards Ende Mai 2003 wieder eingestellt. Grund dafür ist das Bekenntnis Gibsons zum "Smartwood Programm" der Rainforest Alliance, das die Verarbeitung von Tropenhölzer aus natürlichen Beständen ablehnt und stattdessen auf die Verwendung von Hölzern aus eigens zur Verabeitung geschaffenen Beständen setzt.

Diese Entscheidung hatte zur Folge, dass - willentlich oder nicht - eine Marktsituation geschaffen wurde die der in den Fünzigern ähnelt, ja, sogar extremer ausfällt. Von 1958 bis 1960 wurden 1712 Les Paul Standard produziert. Zieht man die 51 Exemplare der im Jahr 2003 produzierten 60er Les Paul Reissues ab, die zwar laut Seriennummer im Bereich der mir Rio ausgestatteten Gitarren liegen, dennoch aber keines besitzen da diese auf Vorjahres-Spezifikationen beruhende Sonderbestellungen des Guitar Centers sind, kommt man für 2003 auf exakt 1042 produzierte 58er, 59er und 60er Les Paul Reissues mit Rio Palisander-Board. Interessanterweise sind die Produktionszahlen 1959 wie 2003 (59er Reissue (R9) mit Rio) fast identisch: 1959 wurden 643 Standards hergestellt und 2003 674 Kopien der 59er Les Paul mit Rio Board.

So ist es nicht weiter verwunderlich, dass binnen knapp zweier Jahre der Händlerverkaufspreis für eine 59er Les Paul Reissue von ehemals 3900 Dollar (Neu) (Januar 2003) auf 5500 bis 6000 Dollar (Gebraucht!) im Dezember 2004 gestiegen ist (Zum Vergleich: 1959 kostete eine Les Paul ca. 250 Dollar, was einer Kaufkraft von heute ca. 2000 Dollar entspricht). Es ist anzunehmen, dass diese wenigen Reissues innerhalb der nächsten Jahre und Jahrzehnte einen eklatanten Wertzuwachs erfahren werden und die Preise, mit ein bisschen Glück, vielleicht in fünfzig Jahren in ähnlich unerschwinglichen Sphären schweben, wie die der Originale heute. Einzig die Wiederaufnahme der Produktion von Rio-Boards könnte den Traum so manches Spekulanten zerplatzen lassen.

Beschäftigen wir uns nachfolgend mit den Unterschieden zwischen einer 58er Les Paul Reissue aus 2001 und einer 59er Reissue mit Rio Palisander aus 2003. Zum Vergleich wird, so weit verfügbar, auch Fotomaterial von einer 59er Les Paul und der 58er Les Paul (Refinished Gold Top) von Dickie Betts (ehem. Allmann Brothers) gegengehalten, die heute im Besitz von Siggi Schwarz ist.

Nicht illustriert bleiben die Elektronik, das Deckenshaping und die veränderte Führung der Trussrod-Fräsung, da nicht adäquat darstellbar.




1958 Reissue 2001
1959 Reissue 2003
1958 & 1959 Standard
Die Plazierung der Tuner, nämlich dem Verlauf der Headstockkante folgend, ist historisch nicht korrekt.
2002 wurden die Tuner erstmals korrekt gesetzt, nämlich in einer geraden Linie.
Am Headstock dieser 59er Les Paul ist sehr gut zu erkennen, dass die Mechaniken in einer geraden Linie angeordnet sind.
Vergleicht man die abgerundeten Inlays dieser 58 RI mit der originalen 58er auf der rechten Seite, könnte man den Eindruck gewinnen, dass die der 01R8 viel authentischer sind, als die Inlays der 03R9 mit den scharfen Konturen in der Mitte. Dabei begeht man aber einen Denkfehler, denn man vergisst, dass sich das Material über die Jahre zusammenzieht und irgendwann abgerundete Kanten entstehen. Diesen Fehler - ob beabsichtigt oder nicht - hat wohl auch der Custom Shop begangen.
So sehen die Inlays generell ab 2003 und teilweise (R9 & R0) bereits in 2002 aus. Das ist das historisch korrekte Shaping.
Hier gut zu erkennen, wie sich das Inlay-Material im Laufe der Zeit verändert hat.
Ein Fingerboard aus Indischem Palisander. Alles andere, nur nicht historisch korrekt.
Die 59er trägt schön gemustertes, aber noch deutlich helleres Rio Palisander zur Schau als das historische Vorbild rechts. Mit der Zeit dürfte dieses Rio-Board allerdings erheblich nachdunkeln.
Durch die letzten 46 Jahre schwarz gewordenes, leicht ölig anmutendes Rio Palisander.
Der Toggleswitch-Washer wurde bislang aus wenig flexiblen Material hergestellt, was den unschönen Effekt hatte, dass sich Material nur widerwillig, meist gar nicht der Kontur des Korpus anpasste.
Ganz anders bei der historisch korrekten Variante. Erheblich dünneres Material folgt leicht und widerstandslos dem Deckenshaping.
Diese Aufnahme stammt nicht von der Bettschen/Schwarzschen 58er, sondern von einer originalen 59er. Hier ist deutlich zu sehen, wie der Switchwasher der Korpuskontur folgt, d.h. ausreichend dünn gearbeitet ist.
Hier sitzt der Zugang zum Trussrod (zu) tief und damit auch die für Gibson typische "Glocke".
Historisch korrekt, mit ein paar Millimetern Abstand zum Sattel positioniert, der Zugang zum Trussrod und die Befestigung der Glocke. Einschränkend aber muss man sagen, dass dem Autor eine originale 59er bekannt ist, dessen Glocke keinen nennenswerten Abstand zum Sattel hat. (s. erstes Foto, rechte Spalte, Headstock der 59er).
Dieses Foto wurde aus einem ungünstigen Winkel geschossen, aber dennoch ist zu sehen, dass die Glocke Abstand zum Sattel hält und nicht, wie bei der 2001 produzierten Reissue, an selbigen stößt.
Das Jackplate war bislang zu klein, zu rund und zu dick, hatte aber den unbestreitbaren Vorteil stabiler zu sein.
Hier die historisch korrekte Variante. Sehr viel dünneres Material, das aber deutlich nachgibt wenn man den Klinkenstecker in die Buchse steckt.
Ein adäquates Vergleichsfoto fehlt (noch).
Die ABR-1-Bridge aller Reissues vor, die der meisten ABR-1 aus und alle nach 2003 wurden und werden mit einer Klammer ausgestattet, die verhindert, dass sich die Reiter beim Saitenwechsel lösen. Das ist zwar ungemein praktisch, aber historisch nicht korrekt.
Die ABR-1-Bridge dieser 59er Reissue hat keine Metallklammer und dürfte damit zu einer Handvoll Reissues ohne Klammer gehören und damit selbst als 2003er Modell historisch noch korrekter als korrekt.
Die 58er besitzt eine ABR-1 Bridge mit Klammer. Diese dürfte nachgerüstet worden sein, ebenso wie die Konterschrauben (die das Foto leider nicht zeigt).



Weitere Informationen

Anfang 2003 hat sich Edwin Wilson, der Historic Programm-Manager, in mehreren Videos sehr genau darüber ausgelassen, was an Veränderungen erfolgt ist. Auf den Screenshot klicken um das Video herunterzuladen. Quicktime 6.x ist erforderlich.

Intro (2.8 MB)
Ed Wilson über das verwendete Brazilian Rosewood. Das Video wurde mittlerweile vom Gibson-Server entfernt. Guitarmaniacs.de hat es noch... :) (6.8 MB)
Ed Wilson über die Bumble Bee Repliken (10.2 MB)
Ed Wilson über die Positionierung der Mechaniken (11.2 MB)
Ed Wilson über die Burst Bucker Pickups #1 und #2 (8.6 MB)
Ed Wilson über den Necktenon (8.7 MB)
Ed Wilson zu den CTS-Potis (19.1 MB)
Ed Wilson zum Material der Toggle-Switch-Washer (11.2 MB)
Ed Wilson zum Alu-Tailpiece (9.0 MB)
Ed Wilson zum Jackplate (9.0 MB)




Links

The Ultimate Les Paul for 2003
BrazilCheck - Software zum Rio Palisander Check
PDF-Dokument zu den Änderungen 2003
Gibson Electric Solidbody Vintage Guitar Shipping Totals, 1952 to 1969