Diese Farbe, dieses Rot, diese Form, dieses Holz, dieser Klang, dieser Duft. Ja, sie duftet. Sie duftet ein wenig nach Vanille. Das liegt am Koffer. Meine Les Paul Classic duftet auch und auch meine FENDER Ritchie Blackmore Stratocaster duftet. Sind ja auch alles dufte Klampfen.
Die ES 335 hat einen entscheidenden Fehler - sie kam zu spät zu mir. O.K., dass kann man der Gitarre eigentlich nicht anlasten. Kurz bevor ich mich entschloss, einen markanten Punkt auf meiner fehlt-noch-Liste zu streichen und mir nun doch endlich eine originale GIBSON ES 335 zuzulegen, zog GIBSON nach der Messe 2005 die Preise an - auf offizielle 3.050,- Euro mit einer Mindestverkaufspreisvorgabe für den Handel von nicht weniger als 2.629,- Euro. Das schmerzt. Ich habe noch Kataloge, da liegen die DM-Preise nicht dramatisch höher als die heute gültigen Euro-Preise. Aber das mit der 1:1-Umrechnung bilden wir uns nur ein. Wie auch immer ... Jedenfalls war alles, was nach diesem Zeitpunkt billiger (ich will nicht unbedingt sagen preiswerter) angeboten wurde, entweder eine Kopie oder gebraucht oder eine sog. faded Version oder 2. Wahl oder ein Austellungsstück bzw. Vorführmodell.
ES 335-Kopien besitze ich bereits diverse und die übrigen Varianten wollte ich in diesem Fall nicht, weder eine faded-Version noch eine gebrauchte (was nicht unbedingt ein Nachteil sein muss, aber wenn es was zu reklamieren gibt ...) noch ein Ausstellungsstück bzw. Vorführmodell, auf welchem schon zig andere rumgenudelt haben. Für 2.190,- Euro hätte ich beides zum Kaufzeitpunkt kriegen können. Davor war dies der Sofort-Kaufpreis bei ebay für eine neue. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Was soll´s?
Eigentlich hätte ich mir viel, viel früher eine holen sollen. Nicht nur, dass sie da wesentlich preiswerter gewesen wäre, sondern auch, da sie da noch dieses herrliche Weinrot hatte. Gibt es jetzt auch wieder, kostet aber noch einen Tick mehr. Meine HOYER hatte diese schöne, beruhigende Farbe und meine SAMICK SAN 450 hat sie auch. Das Rot meiner ES 335 ist mir persönlich fast schon ein wenig zu grell. Aber die Farbe macht ja nicht den Klang.
Korrekt hört sie übrigens auf den Namen GIBSON ES 335 Dot Reissue. Dot wegen der Punkt-Bundmarkierungen und Reissue, weil es eine Wiederauflage ist, quasi eine Original-Kopie vom Original.
Diese Gitarre ist Legende. Diese Gitarre ist Kult. Ein Dauerbrenner und das seit 1958. Da steht in Bälde wohl ein ähnliches Jubiläum an, wie es schon der Telecaster, der Les Paul und der Stratocaster zuteil wurde - auch wenn die ES längst nicht den Status hat, wie die Tele, die Paula und last but not least natürlich die Strat. Macht aber nichts.
Eric Clapton hat sie bei Cream gespielt (sein entsprechendes Signature Modell kostet offiziell mal eben über 18.000,- Euro. Ein Spottpreis, denn das Original wurde für 847.500,- US-Dollar = 713.500,- Euro versteigert. Eric Clapton ist auch einer der wenigen Auserwählten, die sowohl von FENDER als auch von GIBSON ein Signature-Modelle spendiert bekamen) Auf einer ES 335 brachte Chuck Berry Johnny B. Goode Gitarre spielen bei und schaufelte mit Roll over Beethoven den altehrwürdigen Ludwig van Beethoven in die Bauchlage; auf ihr tobte sich in der Deep Purple Mk 1- und beginnenden Mk 2-Phase Ritchie Blackmore eindrucksvoll in allen Stilrichtungen vom Blues über Klassik, Jazz und Rock bis hin zum Zupfgeigenhansel virtuos aus (she. DVD Deep Purple - Rock Review 1969-1972, Wring that Neck) und sie wurde zum Symbol für Woodstock, die ES 335 von Alvin Lee, die fast schon berühmter ist, als Alvin Lee himself. Zumindest ich denke bei Woodstock meistens entweder an Jimi Hendrix und seine weiße Strat oder an Alvin Lee und seine mit diversen Aufklebern ver(un)zierte ES 335. und Gary Moore spielte sie. B.B. King´s original "Lucille" soll eine ES 335 (wohl eher ES 355) gewesen sein und für die ging er sprichwörtlich durchs Feuer. Das muss Liebe sein (oder Wahnsinn). Kann man eine Gitarre überhaupt lieben? Und ob. Ich würde die eine oder andere heiraten - wenn sie kochen könnte.
Ich kenne keinen Gitarristen, welcher der ES 335 Schlechtes nachsagt. Wer sie hat, kommt aus dem Schwärmen kaum raus, verehrt sie fast und wer sie verkauft hat, schämt sich (zu Recht) in Grund und Boden und bereut seinen kaum rational zu erklärenden Frevel bis an sein Lebensende. Dennoch, es ist im Grunde doch bloß eine Gitarre. Aber was für eine.
Der Klang ist schon beeindruckend, aber ich würde nicht so weit gehen, zu sagen, dass sie exakt soviel mal besser ist bzw. klingt, wie sie teurer ist, als die gängigen ES 335 Kopien. In der GUITAR-Ausgabe 10/05 hat man mal einige ES 335-Kopien im 335,- Euro-Segment (die eine etwas teurer, die andere etwas preiswerter) verglichen. Angelehnt war diese Aktion an die Herkunft der Typbezeichnung ES 335. ES steht für Electric Spanish. Als Electric Spanish wurde übrigens auch die FENDER Broadcaster betitelt. Und 335 steht für den damaligen Dollar-Preis für diese Gitarre. Mit dem Original messen kann sich natürlich keine, aber schlecht ist auch keine. Heutzutage bekommt man wesentlich mehr Gitarre für sein Geld als früher. Früher haben wir Besen auch noch mit "u" geschrieben und Trapper mit "i".
Ich selber besitze zwei ES 335 Kopien und dazu noch eine EPIPHONE B.B. King Lucille sowie eine laut Hersteller eher an GRETSCH angelehnte Kopie, die man aber durchaus mit den ES 335-Kopien in eine Reihe stellen kann. Sie alle klingen selbst im Vergleich zu einer GIBSON ES 335 wirklich gut und damit werten sie sich selber unheimlich auf. Ich sage es lieber so. Andernfalls müsste ich die GIBSON hinsichtlich Preis-/Leistungsverhältnis abwerten und das täte mir dann doch in der Seele weh. Die Kopien insgesamt sind in den letzten Jahren immer besser und damit im wahrsten Sinne des Wortes preiswerter geworden. Die Originale haben ihren Standard mehr oder weniger gehalten, zehren vom Ruhm der Jahre bzw. vom Umstand, eine Ikone des Gitarrenbaus zu sein. Das ist kein Vorwurf. Warum soll man eine gute Gitarre, die mittlerweile Legendenstaus erlangt hat; die so, wie sie ist, ihre Fans gefunden hat, permanent verändern, u.U. vielleicht noch verschlimmbessern? Bisweilen hat man es getan und was kam dabei raus? Heute versucht man krampfhaft, die Gitarre wieder so hinzubekommen, wie sie damals gebaut wurde - möglichst exakt wie früher. Nur klappt das leider nicht 100 ig . Kein Wunder - gewisse Faktoren ändern sich im Laufe der Zeit, selbst wenn man sie im Grunde unverändert lässt. Allem voran das Holz. Reissue sagt eigentlich schon alles.
Die ES 335 ist teuer, keine Frage. Ist sie zu teuer? Im Vergleich zu den keinesfalls schlechten Kopien vielleicht. Es gibt ES 335, die sind unverschämt teuer. Eine ES 335 mit Bigsby-Tremolo (so, wie Ritchie Blackmore sie früher spielte) noch nicht mal ein Signature-Modell - kostet ungelogene 6.666,- Euro. 13.000,- DM für ein Stück Holz. Platt betrachtet langt sich doch dabei und bei der Eric Clapton Signature erst recht jeder normale Mensch ans Hirn. Emotional betrachtet hätte sie jeder gerne, der Gitarre spielt und um die zweifelsfrei vorhandenen Qualitäten einer ES 335 weiß, wobei auch die Kopien wie schon gesagt nicht ohne sind. Sie sehen dem Original verdammt ähnlich, sie sind qualitativ auf sehr hohem Niveau verarbeitet, sie lassen sich exzellent spielen, sie klingen gut bis klasse. Das einzige, was ihnen fehlt, ist dieser gewisse Tick mehr an Sound und vor allem das Flair, die Aura, die eine originale ES 335 umgibt. Es war halt schon immer etwas teurer, einen besonderen Geschmack zu haben. Teuer muss nicht immer gut sein - im Fall der GIBSON ES 335 ist teuer = gut.
O.K., ich mach das nur als Hobby und bin auch schon oft genug über meinen Schatten gesprungen, wenn es um die Frage ging, braucht man das wirklich? Manchmal muss es eben GIBSON sein, weil: only a GIBSON is good enough. So auch in diesem Fall. Trotz des Originals werde ich keine der Kopien verkaufen, denn auch sie haben ihre Vorzüge. Aber egal, wie unbestritten die auch sein mögen, Original bleibt Original und von dem geht nun mal eine besondere Faszination, ja fast schon eine Magie aus.
Ich bin schon froh, dass ich mich nicht selbst beobachtet habe, als ich das erste Mal auf dieser ES 335 gespielt habe. Ich hätte mich wohl eingewiesen. Dabei bin ich recht neutral an die Sache rangegangen. Natürlich war die Erwartungshaltung entsprechend hoch. Doch, kein Zweifel, sie hat das gewisse Etwas. Mehr als genug sogar. Um es kurz zu machen - einen Makel konnte ich bislang nicht entdecken. Die ES 335 ist gut, sehr gut sogar. Aber darf man das bei diesen Preisen nicht auch als selbstverständlich erwarten? Ich denke schon. Zur Gitarre selber muss man eigentlich nichts mehr schreiben, weil sie in diesem Forum schon einige Male mehr oder weniger ausführlich vorgestellt wurde. Aber vielleicht doch das eine oder andere bemerkenswerte Detail.
Die Mechaniken sind - da war ich zugegeben etwas überrascht - von GROVER. Da hat sie etwas mit EPIPHONE (von daher doch nicht so überraschend), BURNS und JOHNSON gemeinsam.
Die F-Löcher verfügen im Gegensatz zu meiner SAMICK ES 335-Kopie NICHT über ein Binding. Dafür sind die Kanten der Bundstäbchen aber mit ins Binding eingefasst. Eine äußerst saubere Sache, die sich angenehm aufs Handling auswirkt. Der Sound ist in allen Bereichen und Soundrichtungen über jeden Zweifel erhaben, makellos, aber keinesfalls charakterlos. Schon trocken klingt sie lauter als ihre Stiefschwestern und ein wenig kehlig. Am Amp setzt sich dieser Eindruck fort, wobei das kehlige im Crunch-Modus betont wird. Clean klingt sie leicht jazzig, verfügt aber immer über ausreichend Wärme für einen gefühlvollen Blues. Mit ultradünnen Saiten a la 008 wäre das Klangempfinden sicher ein anderes als mit den 010er Werkssaiten. Beim nächsten Wechsel kommen auch solche wieder drauf - definitiv.
Noch ein Detail - die Koffer sind jetzt schwarz und als Aufdruck steht da nur noch GIBSON (ohne USA-Zusatz) drauf. Daran sind schon einige Zeitgenossen fast verzweifelt.
Das Innenfutter und das Überwurftuch sind ebenfalls schwarz, fast schon antrazith. Ein Zahlenschloss wie bei den "geschmackvollen" braunen Koffern mit dem Puff-Plüsch gibt es nicht mehr. Ganz im Trend der Zeit wird gespart wo es nur geht. Trotzdem wird das Produkt dadurch nicht preiswerter um nicht zu sagen billiger. Eines bleibt für mich aber nach wie vor ein Rätsel - warum haben solche Gitarren Namen, die eher an einen Kampfjet, eine Handfeuerwaffe, ein Muscle Car oder einen Mercedes erinnern - ich weiß es nicht. Es gibt genug wunderschöne Beispiele, wo der Gitarre ein passender Name verpasst wurde - White Falcon, Black Falcon, Tennessy Rose, Stratocaster, Telecaster, Jazz- und Showmaster, Mustang, Hummingbird, Dove, Jumbo und und und ... warum ausgerechnet ES 335? Ursächlich war wie schon erwähnt der damalige Einstandspreis. Die ES 335 kostete bei ihrer Einführung 335,- US-Dollar. Im Grunde war sie damals also kaum sehr viel billiger als heute. Wenn man aber erst mal eine besitzt, spielt das eigentlich auch keine Rolle mehr.
UVP aktuell: 3.362,84 Euro, gekauft 2005 für 2.570,- Euro inkl. GIBSON--Koffer



















