Mal ehrlich - fast jeder von uns Gitarrenfreaks wollte in seiner Jugend eine echte Gibson oder eine originale Fender besitzen,
aber das Taschengeld reichte vorne und hinten nicht !? Die Geduld zum jahrelangen, eisernen Sparen hatten wohl nur wenige und ein
reicher Papa, den man nur noch überreden mußte, stand auch nicht jeder Familie vor. Tja, da blieb nur noch, mit der lächerlichen
Klampfe vom Versandhaus QUELLE der Trottel in der Schülerband (mit Option auf baldigen Rauswurf) zu werden - oder die vorhandene
Gitarre zu einem "Original" umzufrisieren ! Das Allerwichtigste war dabei natürlich das Firmen-Logo des Traumgerätes, das sich
kreative Mitmenschen mühsam (und mit sehr unterschiedlichem Erfolg) auf den Headstock pinselten. Ich tüftelte einen Trick aus, der
zumindest von Weitem ziemlich echt aussah - ich schnibbelte den Gibson-Schriftzug einfach aus einer Saiten-Verpackung aus und
klebte ihn über das alte Logo. Das würde wirklich perfekt aussehen, wenn ich mir mit dem Über-Lackieren noch mehr Mühe gegeben
hätte ...
Gut, das ist aus heutiger Sicht leicht peinlich - da sich nun aber sicher viele von Euch an ähnliche Taten erinnern werden, sollten wir's einfach mit einem verständnisvollen Schmunzeln betrachten. Außerdem - echte Rock'N'Roller werden nie mit einer goldenen Gitarre in der Hand geboren ...
Ok, vergessen wir das mal - ich komme zu der Gitarre, die wirklich hinter der Täuschung steckt. Es handelt sich um ein frühes Modell von CORT, das m. W. keine besondere Bezeichnung hatte. Ich habe sie etwa 1980 für knapp 300 D-Mark gekauft und man muß ihr bescheinigen, daß sie jeden Pfennig wert ist. Dabei sollte man nicht vergessen, daß diese Summe auch vor einem knappen Viertel-Jahrhundert für eine E-Gitarre nicht viel war - die Qualität war aber häufig viel schlechter. An der CORT waren damals NUR die lausigen Mechaniken zu bemängeln, was sie zur löblichen Ausnahme machte ...
Auf den ersten Blick scheint es die Kopie einer Les Paul Junior zu sein, aber die Designer von CORT hatten das Gibson-Modell "Sonex" als Vorlage. Diese war nur kurz zuvor (Ende '70er) auf den Markt gekommen und sollte im unteren Preissegment die Kundschaft zurück erobern, die immer mehr Gefallen an den Produkten der aufstrebenden Fernost-Konkurrenz fanden. Daß die Sonex (sowohl das Original wie auch die Kopie) ein satter Fehlschlag wurde, lag wohl an den Gibson-untypischen Features : der eingeschraubte Hals und die auf eine Kunststoff-Platte montierte Elektronik kam bei den potentiellen Käufern gar nicht gut an, und so verschwand das Teil schnell wieder aus den Katalogen. Selbst der damals für eine Gibson relativ niedrige Kaufpreis von knapp 1000.- Mark konnte daran nichts ändern ...
Glücklicherweise konnte ich seinerzeit das Original und die Kopie direkt vergleichen - mit dem Ergebnis, daß der Unterschied
hauptsächlich am Preisschild zu erkennen war. Klanglich gefiel mir die CORT besser, die etwas lauter und dreckiger ertönte - die
GIBSON konnte mit Mechaniken überzeugen, die sich deutlich geschmeidiger drehen ließen. Ansonsten kann ich mich an nichts erinnern,
das die CORT deklassiert hätte. Gesehen - gespielt - gekauft ! Auch am eigenen Amp klang mein Neuzugang recht ordentlich, weshalb
der silberne Aufkleber ("powered with Firepower Pickups", oder so ähnlich) meines Erachtens mit vollem Recht auf dem Pickguard
glitzerte ...
Beim ersten Saitenwechsel mußten auch gleich die Tuner dran glauben - die CORT trägt nun alte Schaller auf, die irgendwer nicht mehr haben wollte. Ist wohl nicht ganz das "Gelbe vom Ei", war aber eine echte Verbesserung, die heute noch voll und ganz ihren Zweck erfüllt. Auch eine Pflicht war es (damals, in den frühen 80ern), die Gitarre mit zwei Mini-Schaltern auszustatten, mit denen man die jeweils zweite Spule der PU's ab- und sie damit zu Single Coils umschalten kann. Ist heute nicht mehr unbedingt chic, aber dieser kleine Eingriff brachte soundmäßig einiges ...
Zur Bespielbarkeit : der Hals hat ein flaches D-Profil und liegt m. E. gut in der Hand. Die Saitenlage läßt sich recht niedrig einstellen, was für gelegentliche Soli von Vorteil ist. Die Griffbrettwölbung könnte man als Paula-ähnlich bezeichnen und ist alles andere als unangenehm oder ungewohnt. Das alles und das Gewicht von gut verteilten 3 bis 3,5 kg ergeben eine Gitarre, mit der jeder zurechtkommen müßte. Da ist es fast logisch, daß die CORT auch sauber verarbeitet ist und kein scharfkantiges Bundstäbchen diesen guten Eindruck trübt ...
Hardware : abgesehen von den Mechaniken liefert die CORT keinen Grund zum Nörgeln. Der Tune-O-Matic Steg und das Stoptail Piece sind bei derartigen Gitarren normal und erwähnenswert sind allenfalls die Messing-Saitenreiter. Der Toggle Switch macht einen stabilen Eindruck und funktioniert immer noch tadellos. Die Potis lassen sich gleichmäßig drehen, wenngleich sie alle etwas unterschiedlich ansprechen. Die Knobs sind grob geriffelt, was ich aber eher als Pluspunkt betrachte. Die Zebra-Pickups waren damals wohl der allerneueste Schrei und sind auch heute noch nicht aus der Mode gekommen ...
Zum Sound : dank der kräftigen PU's liegt die Stärke im Bereich Rock oder Hardrock. Ob Solo oder deftiges Akkordspiel - es ist reichlich Druck vorhanden und der Sound kann sich gut durchsetzen. Es entfaltet sich ein ordentliches Sustain, das sich aber nicht mit dem vergleichen läßt, das "Sustain-Monster" entwickeln. Das erwartet man aber von solch einer Gitarre aber auch nicht - ich würde also sagen, es passt genau ! Zufällig habe ich festgestellt, daß man damit auch einen tollen Sound für Slide-Sachen hinkriegt - leider bin ich auf diesem Gebiet eher eine Niete ...
Fazit : für die damalige Zeit eine ziemlich gute Klampfe für wenig Geld. Vielleicht ein Grund dafür, daß es CORT heute immer noch gibt und sich die Firma inzwischen sogar etabliert hat. Man möge es mir bitte verzeihen, daß ich sie in dem Zustand (samt Aufkleber) lasse, wie er Anfang der 80er Jahre war - schließlich war's eine schöne Zeit ...



















