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Ibanez AS 200 AVS - 1979



Die Artist Serie entstammt den 1970er Jahren, der Beginn der Golden Ära von Ibanez. Instrumente aus dieser Zeit sind für ihre Qualität bekannt und z.T. sehr begehrt. 1979 bekam diese Baureihe mit der AS 200 Zuwachs. Als Weiterentwicklung des Modells 2630 aus dem Jahr 1977, bewegte sich der japanische Hersteller mit dieser Gitarre hin, zu einer etwas mehr eigenständigen Interpretation.

Unverkennbar diente die Gibson ES 335 noch immer als Inspiration, jedoch wartet diese Gitarre mit einigen Details auf, die man wohl insofern als Alleinstellungsmerkmale werten kann, als dass sie den Folgen des 1977/78 durch Gibson angestrengten Lawsuit Prozesses gerecht werden. Insbesondere der kopierte Open Book Headstock war Stein des Anstoßes und Ibanez entwickelte bereits 1976 ein eigenes Design der Kopfplatte. Auch der Korpus ist geringfügig kleiner dimensioniert und weicht mit deutlich schlanker gestalteten Cutaways vom Vorbild ab. Bis etwa 1988 war die AS 200 in der Artist Serie beheimatet, zu diesem Zeitpunkt führte Ibanez dann die Artstar Serie ein, welche fortan die Semiakustik Gitarren präsentiert. Damit ging auch ein verändertes Design der Kopfplatte und eine leicht abgewandelte Form der F-Löcher einher.

Diese AS 200 stammt von 1979, dem ersten Produktionsjahr dieses Modells. Die Konstruktion ist altbewährt und birgt keine Überraschungen. Laminiertes Ahorn dient als Material für den etwa 40 mm starken Korpus, dabei sind Decke wie Boden gewölbt und durch einen passgenauen Sustainblock miteinander verbunden. Die sichtbaren Lagen zeigen eine geflammte Maserung, welche durch das gelungene Antik Violin Sunburst sehr schön zur Geltung gebracht wird. Insgesamt ist sie schlichtweg eine wunderschöne Erscheinung.
Der einteilige, aus Mahagoni gefertigte Hals ist mit dem Korpus verleimt und trägt ein tiefschwarzes, sehr feinporiges Ebenholzgriffbrett. Das C-förmige Profil fühlt sich mit etwa 23 mm Stärke am ersten Bund recht kräftig an. Den bruchgefährdeten Übergang zur Kopfplatte verstärkt eine Volute, eine Verstärkung des Materials in diesem Bereich. In den ersten Jahren wurde ein Knochen/Messing Sattel montiert.
Als Top Of The Line Modell ist die AS 200 mit vergoldeter Hardware ausgestattet. Sie setzt sich aus einem Quick Change Tailpiece, einer traditionell designten Brücke (für einen problemlosen Saitenwechsel mit Muttern fixiert) und Velve Tunern mit perlmuttartigen Kunststoff-Flügeln zusammen. Abrieb und Patina haben hier über die Jahre ihre Spuren hinterlassen und verleihen der Gitarre Charme, die Funktion ist dabei noch immer tadellos. Auch aufwendige Bindings sind der AS 200 mitgegeben worden, Zargen, F-Löcher, Griffbrett und Kopfplatte sind teilweise mehrlagig eingefasst und Block Inlays aus einer Kombination von Abalone Perlmutt dienen zur Orientierung auf dem Griffbrett.

Während die späteren Modelle ab Anfang der 80er Jahre mit zwei Super 58 Humbuckern ausgestattet wurden, sind hier noch zwei Super 70 Humbucker verbaut die jeweils in Lautstärke und Ton geregelt werden können. Ein Dreiweg Toggle Switch schaltet in gewohnter Weise die Tonabnehmer jeweils einzeln oder zusammen. Zusätzlich gibt es eine Tri Sound Schaltung, die mittels eines Mini 3 Weg Schalters aktiviert werden kann. Mit ihr lässt sich der Hals Humbucker optional Out Of Phase schalten oder zum Single Coil splitten.
Die Super 70 Pickups erfreuen sich zwar großer Beliebtheit, waren für meine Ohren aber nicht in der Lage, das Klangpotenzial dieser Gitarre voll auszuschöpfen. Mag es an der Kombination mit diesem Instrument oder an den Pickups an sich liegen, ihren Klang empfand ich hier eher kraftlos, dünn und ohne Tiefe. Zugunsten eines Paars Super 58 aus den 80er Jahren habe ich sie getauscht. Um dem Stegpickup noch etwas die Schärfe zu nehmen, ist er mit den Polpieceschrauben zum Hals hin ausgerichtet montiert. Da es nahezu unmöglich ist, alte Super 58 Pickups mit 4 adrigem Anschlusskabel zu finden (i.d.R. sind sie 3 adrig), musste die Tri Sound Schaltung leicht abgewandelt werden. Statt der etwas dünn klingenden Out Of Phase Funktion lässt sich nun, neben dem obligatorischen Humbucker Betrieb, wahlweise die innere oder äußere Spule des Halstonabnehmers als Singlecoil schalten.

Sehr beeindruckend wirken Haptik und Verarbeitung, sie lassen eher an ein von Hand gefertigtes Instrument denken. Es ist bemerkenswert, welch hohes Maß an Qualität die japanischen Gitarrenbauer in jenen Jahren erbringen konnten oder wollten.
Der Hals ist ein Traum, er liegt perfekt in der Hand und mit einem Griffbrettradius von 12 '' vermittelt er ein sehr leichtes Spielgefühl. Die Bünde waren beim Kauf vor einigen Jahren noch original, zeigten aber schon mehr oder weniger deutliche Spielspuren. Wie schon einige meiner Gitarren gab ich auch diese AS 200 in die Hände von Jörg Kuhlo. Er betreibt das Plekhaus Berlin und ist ein sehr engagierter, kompetenter und erfrischend netter Meister seines Fachs. Zunächst hat er sie auf der Plekmaschine vermessen. Das Resultat war leider etwas ernüchternd, die Bünde gaben einfach nicht mehr genug her, um sie noch einmal perfekt abzurichten. Nach 40 Jahren Benutzung kam dies dann aber auch nicht ganz unerwartet. Auf Empfehlung von Jörg, habe ich das Griffbrett begradigen, die Bünde erneuern und die Gitarre anschließend pleken lassen. Üblicherweise muss in diesem Zuge auch der Sattel erneuert werden, irgendwie hat er es aber geschafft, den originalen Knochen/Messing Sattel zu erhalten. Diese Investition war nicht unerheblich, aber durchaus lohnenswert und ich habe sie nicht bereut. Die Gitarre lässt nun ein denkbar perfektes Setup zu und ist wirklich traumhaft bespielbar. Alle zuvor bemerkbaren Befindlichkeiten wie Kompromisse in der Einstellung, eingeschränkt spielbare Bereiche oder leichtes Klirren sind gänzlich abgestellt. Das gute Stück spielt sich tatsächlich wie Butter, keine andere meiner Gitarren ohne dieses Setup lässt sich derart leicht bespielen.
Auch klanglich kann man schnell ins Schwärmen geraten. Die Ansprache und der füllige, hölzerne Ton besitzen Suchtpotenzial, diese Eigenschaften zeigen sich schon unverstärkt sehr ausgeprägt. Sie intoniert über allen Lagen absolut sauber mit resonanzstarkem, kräftig klarem Grundton und gefälligem Sustain. Deadspots oder weniger klangfreudige Bereiche sind nicht mal ansatzweise auszumachen. Seidige Höhen mit einem ausgewogenem Bassanteil fügen sich zu einem rundem Klangbild und machen immer wieder Appetit auf mehr.
Mit den Super 58 Humbuckern kommen die Klangeigenschaften der Gitarre dann auch bestens am Amp zum Tragen. Sie sind meiner Meinung nach sehr gelungene, gutklingende PAF typische Tonabnehmer mit moderatem Output und mittlerweile sehr gesucht. Ihr Klang ist süßlich warm, sehr harmonisch, verbunden mit Transparenz, Klarheit und leichter Mittenbetonung. Sie vermitteln ein tolles Spielgefühl und machen diese Gitarre zu einem ausdrucksstarkem, wirklich musikalischen Instrument. Der Halspickup ist mein klarer Favorit, er erbringt sahnig glockige Sounds, die sich auf Grund der hier abgewandelten Tri Sound Schaltung etwas ausdünnen lassen. So sind auch dezente, drahtigere Klänge realisierbar. Diese Option erweist sich für mich als sehr praxistauglich und ich nutze sie gern. Der Stegpickup wiederum ermöglicht auch straffe, rockige Sounds. Riffs wie auch Singlenotes bekommen hier Durchsetzungskraft oder den nötigen Biss. Bedingt durch die Bauart der Gitarre ist der Klangcharakter insgesamt eher weich, raumgreifend, gesättigt und voluminös, dabei aber dennoch sehr dynamisch und feinzeichnend. Die Reaktion auf die Stärke des Anschlags ist bemerkenswert.
Die AS 200 kann endlos singen, druckvoll schieben oder auch dezent im Klangbild erscheinen und eignet sich für viele Musikstile von Jazz über Blues, Pop bis hin zu Rock. Clean wie verzerrt setzt sie sich gut in Szene, konstruktionsbedingt ist eine gewisse Neigung zu Feedbacks vorhanden, diese lässt sich aber sehr gut kontrollieren oder auch gezielt einsetzen.

Mit Gitarren dieser Qualität haben die japanischen Gitarrenbauer ihren guten Ruf begründet und das durchaus zu Recht. Hier stimmt einfach alles, angefangen bei der Güte der verwendeten Materialien bis hin zur Verarbeitung mit Liebe zum Detail. Es lohnt sich zweifellos in solche Instrumente zu investieren bzw. sie zu erhalten, sie danken es mit purer Spielfreude, großartigem Ton und bewegen sich zudem in einem Preissegment, dass realistisch und bezahlbar ist. Vergleichbare Gitarren aus moderner Produktion mit derart ausgeprägten Eigenschaften sind in der Regel auf Customshop Niveau angesiedelt oder ein absoluter Glückstreffer. Selbst Gitarren renommierter amerikanischer Hersteller aus diesen Jahren sind nicht oft in der Lage, diese Qualität zu übertreffen.